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  • Lars Dittmann

Die Welt schreit Digitalisierung, doch mein ERP produziert nur Chaos. Was tun?

In den 80er Jahren haben einige von uns bereits Disketten auf dem Schulhof ausgetauscht und der Bibliotheksausweis bekam einen Barcode – letzteres war aus Sicht von damaligen Datenschutzbesorgten äusserst bedenklich. War das nicht bereits Digitalisierung? Wieso wird dieser Begriff heute so gehypt? In dem bescheidenen Beitrag reisse ich den technologischen Inhalt hinter dem Begriff kurz an, um dann aus einer zutiefst menschlichen Sicht auf die analoge Realität in den meisten Betrieben einzugehen. Was soll man als Führungskraft tun, wenn die digitale Vision eben doch keine «strategic tension» mit der betrieblichen Realität aufbaut?


Für alle Digitalisierungsverweigerer hier die schlechte Botschaft: Digitalisierung ist doch nicht einfach nur eine Worthülse. Denn wenn man diese Hülse aufbricht, dann verbergen sich darin Technologien und Phänomene, die es zu Zeiten von «New Economy» noch nicht in dieser Ausprägung gab:

  • Digitale Geschäftsmodelle, die wirklich funktionieren: Davon haben die dot.com Pioniere geträumt. Geschäftsmodelle mit Grenzkosten von null, d.h. die Umsätze mit einem weiteren Kunden erzeugen praktisch keine Kosten. Air BnB hat einfach wesentlich weniger Grenzkosten als die Mitwohnzentrale aus den 80ern.

  • Datamining: Die Möglichkeiten sehr grosse Datenmengen zu analysieren, Meta-Daten zu erzeugen und diese geschäftsbringend einzusetzen, haben sich revolutionär weiterentwickelt. Vielleicht ist die Behauptung «Daten sind das neue Gold» übertrieben, aber zumindest sind sie doch das Eisenerz, aus dem man mit Geschick etwas Wertvolles entnehmen kann.

  • Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) für Praxisprobleme: Auf mehr und mehr Web-Sites wird man heute von einem freundlichen Chat-Roboter begrüsst. Und während ich es vor ein paar Jahr noch lustig und dann nervig fand, erhalte ich heute immer mehr sinnvolle Antworten. Ein Beispiel wie KI unseren Alltag erobert. [Ich lerne gerne mehr über technologische Weiterentwicklungen wie Digital-Twins, AI in optischen Q-Tests, etc. bitte schreibt mir]

Wenn man nun eine andere Brille aufsetzt und die Verwendung des Begriffs Digitalisierung in den Medien, in der Gesellschaft und in den Betrieben anschaut, fällt mehr die zwischenmenschliche Komponente auf, die ich sehr spannend finde. Mit dem Begriff bekennen sich Top-Führungskräfte aus der Baby-Boomer Generation zum Thema und stellen auch Mittel zur Verfügung. Die Relevanz ist offenkundig gegeben und zudem ist die Definition von Digitalisierung schwammig genug, um nicht festgenagelt zu werden. Ein Trottel, wer hier nicht mitmacht. Die zweite Führungsriege, soll sich um die Detaillierung kümmern.


Aber was heisst dies nun für das Führungsteam eines operativen Standorts, welches als KMU oder im Konzernverbund ein bestimmtes End- oder Zwischenprodukt herstellt. Macht mal Digitalisierung! Aber wie, wo der Gesamtstandort doch die Grenzkosten darstellt, welche im digitalen Modell null wären. «Jetzt kommen die mit künstlicher Intelligenz – können die mir einen KI-Roboter hinstellen, der meine Stammdaten aufräumt? Sicher nicht.»


Was nun? Eine echte Transformation setzt bei der Unternehmenskultur an. Bereits Peter Drucker sagte «Culture eats Strategy for breakfast». Ich interpretiere es so, solange Sie eine Kultur habe, in der derjenige Kundenprojektleiter*in oder Verkäufer*in als Held*in gefeiert wird, wenn sie oder er durch Arbeiten am Prozess vorbei einen Deal macht oder ein singuläres Kundenproblem löst, wird es schwer mit der Digitalisierung. Wenn gleichzeitig Keiner für Stammdaten verantwortlich ist und der Low-Performer im Team zum SAP-Arbeitskreis geschickt wird, vergessen Sie es mit der Digitalisierung.


In einer Kultur, welche digitale Veränderungen aufnehmen kann, sind Führungskräfte für Ihre digitalen Prozesse verantwortlich. Jeder Funktions-, Abteilungs-, Gruppen- und Teamleiter kennt die Abläufe in den Systemen und kann die Güte seiner Stammdaten quantitativ bewerten. (X Prozent der Einkaufs-Infosätze sind gepflegt.) Gleichzeitig haben die Teams keine Angst vor Grenzkosten null. Es ist wahrscheinlich naiv zu glauben, dass man «Arbeiten am Prozess vorbei» von heute auf morgen verbieten kann. Extrem-Forderungen führen häufig zu kurzfristigen Übungen, die scheitern und dann den Status Quo zementieren. Aber wieso kann nicht derjenige Held sein, der diesen einen Service-Fall etwas langsamer erstmalig im Prozess gelöst hat, ohne die Kundenbeziehung zu belasten. Ja, im besten Fall sogar einen Beitrag geleistet hat, dass der Kunde zunehmend mehr Dinge digital mit dem Unternehmen erledigt und dabei zufrieden ist.


Dieser Beitrag soll Ansatzpunkte geben, wie der digitale Wandel in bestehenden, sich sträubenden Strukturen gelingen kann. Bitte schreiben Sie mir, wenn Sie weitere Ansatzpunkte sehen.

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